Erklärung zur Absage Jakob Augsteins

Das Bündnis „Augstein eine Absage erteilen“ spricht seine Genugtuung darüber aus, dass Jakob Augstein seine Lesung am 27. Januar 2014 im Literarischen Salon in der Universität Hannover abgesagt hat. Wenn auch zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einschätzbar ist, inwiefern der Protest des Bündnisses der Grund für diese Entscheidung ist, so ist es ein Erfolg, dass der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in der Universität Hannover nicht durch den Besuch Augsteins und die damit verbundenen Erinnerungen an seine antisemitischen Äußerungen überschattet wird.
Allerdings belegt unsere Agitation gegen den geplanten Besuch auch wieder, wie engstirnig viele Personen, insbesondere in der Leitung des Literarischen Salons, mit dem Thema des Israelbezogenen Antisemitismus umgehen. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass unser Aufruf gegen Augstein, dem ein Beschluss der studentischen Vollversammlung vorwegging, vom Literarischen Salon als unangebrachte Debatte abgetan wurde. Indes zeigte die Leitung der Institution, dass sie ihre Meinung auch nicht in Frage stellen möchte und erklärte in einem „Statement“ auf ihrer facebook-Seite: „…die Antisemitismusvorwürfe gegen Augstein treffen jedoch nicht zu.“ Die Position, die wir mit den Gästen der Veranstaltung diskutieren wollten, wurde so bereits im Vorfeld für nicht legitim erklärt.
Zusätzlich zeigen sich auch noch ganz andere Problematiken in der Verteidigung der Einladung Augsteins aus: Die Betonung, dass auch der Zentralrat der Juden Augsteins Äußerungen zu Israel als nicht antisemitisch einstufte ist nicht nur schlichtweg falsch, sondern auch im Allgemeinen fragwürdig. Der Zentralrat war in seiner Meinung nicht geschlossen, Präsident Dieter Graumann äußerte sich beispielsweise in einem SPIEGEL-Streitgespräch vom 01. April 2013 wie folgt: „Graumann hält Augstein vor, es gehe nicht darum, „ob man in Deutschland israelische Politik kritisieren darf“, die Frage sei vielmehr, „wo diese Kritik obsessiv und feindselig wird, wo sie von sachlichen Argumenten abweicht, wo sie verantwortungslos wird. Da überschreitet Herr Augstein laufend Grenzen.“ Er begünstige „antijüdisches Ressentiment“

Der Literarische Salon betonte in seinen Darstellungen immer wieder, dass er „in den über zwanzig Jahren seines Bestehens nie im Verdacht (stand), die Diskriminierung von Minderheiten oder Bevölkerungsgruppen zu unterstützen.“ Dieses war vom Bündnis gegen Augstein auch nie behauptet worden und auch nie unsere Position. Nichtsdestotrotz muss sich der Salon überlegen, wie sich dann sein selbsterklärtes „ganz selbstverständliches“ Eintreten gegen „jede Form von Antisemitismus“ gestaltet, wenn schon, wie oben erklärt, im Vorfeld jede mögliche Debatte mit dem Vorwegnehmen des Ergebnisses unmöglich gemacht wird und Protest als „unangebracht“ bezeichnet wird. Schon Stephan Grigat betonte in seinen Ausführungen über Jakob Augstein, dass Antisemitismus nicht erst dort beginnt, „wo jemand über Zyklon B nachdenkt oder »Die Juden sind unser Unglück« herausposaunt.“ Wir werden am Montag nach wie vor im 14ten Stock Stellung beziehen, um mit all denen ins Gespräch zu kommen, welche die Absage nicht erreicht hat oder die mit uns diskutieren möchten.

BÜNDNIS „Augstein eine Absage erteilen“, 25. Januar 2014.
Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hannover
association [belle vie]
und Unterstützende.


2 Antworten auf „Erklärung zur Absage Jakob Augsteins“


  1. 1 zsolt 25. Januar 2014 um 19:35 Uhr

    Eine Hervorragende Analyse. Es werden die Argumente widerlegt, mit denen das aktuelle deutsche Bildungsbürgertum seinen verbreiteten Antisemitismus zu kaschieren sucht. Da man die Verbrechen der Grosseltern nicht abschütteln kann, versuchen leider sehr viele durch Argumente wie Herr Ausgstein eine diffuse „der Holocaust hat nicht die falschen getroffen“ zu suggerieren. Niemand spricht das allerdings offen aus.
    Eine souveräne Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus. Niemand kann den heutigen Deutschen Schuld vorwerfen, sie ziehen aber einen entsprechenden Vorwurf durch Menschen wie Augstein auf sich.

  2. 2 Albert Rheindorf 27. Januar 2014 um 0:19 Uhr

    Hallo Bündnis,

    sagen Sie, das Spiegel-Gespräch von Herrn Graumann, das Sie anführen, um zu zeigen, dass der Salon schlichtweg falsch liegt und dass der Zentralrat in seiner Meinung nicht geschlossen ist — ist das das Gespräch, in dem Graumann auf die Frage, ob Augstein ein Antisemit sei, antwortet (ich zitiere wörtlich): „Nein“?

    Wenn Sie Ihre Position (Augstein ist ein Antisemit) bereits im Vorfeld durch den Salon allein dadurch illegitimiert sehen, dass dieser sagt, sie sei falsch, heißt das dann nicht umgekehrt, dass der Salon seinerseits seine eigene Position (Augstein ist kein Antisemit) nicht auch durch das Bündnis im Vorfeld allein dadurch illegitimiert sehen müsste, wenn es sagt, diese Position sei falsch?

    Wenn Sie sagen, dass der Salon im Vorfeld jede mögliche Debatte mit dem Vorwegnehmen des Ergebnisses unmöglich gemacht habe, bedeutet das also, dass Sie eine ergebnisoffene Debatte führen wollten? Eine Debatte also, bei der man auch zu dem Konsens kommen könnte, dass Augstein kein Antisemit ist?

    Wenn ja, finden Sie, dass Sie die Voraussetzungen für eine solche Debatte verbessern, wenn Sie, „im Vorfeld“, von den „antisemitischen Wahnvorstellungen“ Augsteins schreiben? Wenn ja, warum starten Sie einen „Aufruf für die Aktionen GEGEN die Lesung von Jakob Augstein“ und nicht einen FÜR eine Debatte mit ihm? Wenn ja, finden Sie, dass Sie die Voraussetzungen für eine solche Debatte verbessern, wenn Sie, „im Vorfeld“, „Jakob Augstein und seinen Anhängern eine Absage erteilen“ wollen? Finden Sie, dass man eine Debatte gut führen kann, wenn man denjenigen, ohne die es eine Debatte nicht geben kann, der Oposition, bereits im Vorfeld eine „Absage“ erteilen möchte?

    Als diese Absage dann kam, und zwar von Augstein, sprechen Sie von Ihrer „Genugtuung“ darüber und nennen Augsteins Abwesenheit einen „Erfolg“. Das klingt, als sei es das Ziel gewesen, ein Erscheinen Augsteins zu verhindern. Also die Debatte mit ihm. Wenn das so ist, warum sagen Sie dann, dass es der Salon war, der „jede mögliche Debatte unmöglich“ gemacht hat?

    Vielen Dank für Ihre öffentliche Antwort hier und beste Grüße von

    Albert Rheindorf

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